Legacy Software läuft im Alltag oft noch klaglos, treibt die Kosten aber über Sonderwissen, langsame Änderungen und wachsenden Integrationsdruck in die Höhe – lange bevor das in der Bilanz auffällt. Laut der Lünendonk-Studie 2025 ist bei jedem zweiten Unternehmen im DACH-Raum der Betrieb, die Pflege oder die Weiterentwicklung der Altsysteme mittel- bis langfristig nicht mehr gesichert.
Bei mittelständischen Betrieben mit über die Jahre gewachsenen ERP-Systemen merken Sie das bei jeder neuen Anforderung: Ein Partner will eine neue Anbindung, das Fachsystem soll erweitert werden, und plötzlich braucht es drei Umwege, weil das Kernsystem seit Jahren nicht mehr sauber angefasst wurde.
Stand der Quellenprüfung: 16. September 2026
Die folgenden Zahlen zeigen, wie verbreitet und wie teuer das Problem tatsächlich ist:
Legacy Software wird teuer, weil sie ihre Kosten in Arbeitsstunden, Reaktionszeit und Risiko versteckt, weit weg von jeder Rechnung. Sie läuft heute genauso wie vor fünf Jahren, aber jede Änderung daran kostet mehr Zeit als vor fünf Jahren, weil sich rund um den Kern immer mehr Sonderfälle und stille Annahmen angesammelt haben.
Die Lünendonk-Studie 2025 beziffert das Ausmaß: 62 Prozent der befragten Unternehmen sehen Teile ihrer geschäftskritischen Anwendungen selbst als veraltet und erneuerungsbedürftig an, und 76 Prozent erwarten, dass mindestens ein Fünftel ihrer Kernapplikationen in den nächsten fünf Jahren Modernisierungsbedarf entwickelt.
Nach CIO-Einschätzungen aus McKinsey-Analysen macht diese unsichtbare Last 20 bis 40 Prozent des gesamten IT-Bestandswerts aus, und dieser Anteil schlägt bei jedem neuen Projekt wieder durch.
Zur Einordnung: Technische Schulden sind der Mehraufwand, den ein System durch schnelle, unsaubere oder veraltete Lösungen in der Vergangenheit angesammelt hat und der bei jeder künftigen Änderung als zusätzliche Arbeit zurückkommt.
Die eigentlichen Kosten entstehen an sieben wiederkehrenden Stellen, die im Budget für „IT-Betrieb“ selten auftauchen. Wir sehen bei Kunden regelmäßig, dass diese Kosten erst an den Schnittstellen sichtbar werden, weil dort jede Altlast auf neue Anforderungen trifft.
Besonders die Kombination aus Sonderwissen und fehlender Testbarkeit ist im Alltag der teuerste Treiber, weil sie sich gegenseitig verstärkt: Ohne verlässliche Tests traut sich niemand, den Code der Wissensträgerin anzufassen, also bleibt das Wissen an einer Person hängen und wandert nie in den Code selbst. Das zeigt sich im Tagesgeschäft meist ganz konkret: Immer dieselben Schnittstellen produzieren immer wieder dieselben Support-Tickets. Mehr dazu im Beitrag zum reaktiven Support für Schnittstellen.
Integrationsprojekte werden teurer, weil jede neue Anforderung zuerst mit dem Altsystem verträglich gemacht werden muss, bevor die eigentliche Aufgabe überhaupt beginnt. In der Praxis sieht das so aus: Aus einer Schnittstelle werden zwei Übersetzungsschichten, aus einem Testlauf werden zwei, weil sowohl das neue Ziel als auch die alten Sonderfälle geprüft werden müssen.
Eine grobe Modellrechnung macht die Mehrarbeit greifbar: Steht eine neue Partneranbindung ohne Altlast mit rund 40 Beratertagen im Angebot, kommen wegen zusätzlicher Übersetzungsschichten und einer Sonderlogik für ein Feld, das nur das alte ERP kennt, überschlägig 20 bis 30 weitere Tage dazu – grob die Hälfte bis drei Viertel mehr Aufwand allein durch die Legacy-Anbindung. Genau dieser Aufwand bleibt in Angeboten oft unterschätzt, wie wir auch im Beitrag zur komplexen Schnittstellenarbeit im Mittelstand beschreiben.
Der ERP-Kern ist dabei meist der Ausgangspunkt des Problems. Laut Trovarit liegt das Durchschnittsalter von ERP-Systemen im DACH-Raum bereits bei über 13 Jahren. Das Ergebnis: Neue Anforderungen werden Schicht für Schicht außenherum konstruiert, bis jedes weitere Projekt auf einem gewachsenen Fundament aus Workarounds aufsetzt.
Das Problem ist betriebswirtschaftlich relevant geworden, sobald es sichtbar den Projektplan, das Budget oder die Verfügbarkeit von Wissen beeinflusst. Fünf Muster tauchen dabei immer wieder auf.
Besonders das dritte Signal, die Abhängigkeit von einzelnen Köpfen, wird oft zu spät ernst genommen. Wissen, das ausschließlich im Kopf einzelner Mitarbeitender steckt und nirgends dokumentiert ist, gehört zu den am meisten unterschätzten Betriebsrisiken im Mittelstand. Versteht nur noch eine Person die Legacy-Anwendung wirklich, wird diese Person zum Single Point of Failure für den gesamten Betrieb, wie wir es im Beitrag zur Notfall-Betriebsübernahme beschreiben.
Nicht jede alte Anwendung ist ein akutes Problem. Entscheidend ist, wie stark drei Faktoren gleichzeitig zutreffen: Business-Kritikalität, Änderungsdruck und Sicherheitsrelevanz. Ein System, das seit Jahren stabil eine Nebenfunktion erfüllt, kaum verändert werden muss und keine sensiblen Daten oder offenen Schnittstellen nach außen hat, darf ruhig weiterlaufen.
Kritisch wird es, wenn alle drei Faktoren zusammenkommen: Das System steuert einen zentralen Prozess (Business-Kritikalität), an ihm hängen laufend neue Anforderungen aus Vertrieb, Partnern oder Compliance (Änderungsdruck), und es verarbeitet Daten, ohne dass jemand die offenen Sicherheitslücken vollständig kennt (Sicherheitsrelevanz). Wie stark diese Angriffsfläche insgesamt wächst, zeigt der BSI-Lagebericht 2025: Rund 80 Prozent der angezeigten Angriffe, etwa mit Ransomware, richten sich inzwischen gegen kleine und mittlere Unternehmen, denen häufig die Mittel und das Wissen fehlen, um sich selbstständig zu schützen.
Ein einfacher Test hilft in der Praxis: Wenn eine Anwendung bei allen drei Fragen mit „ja, stark“ beantwortet wird, ist die Grenze zum kritischen Bremsklotz überschritten, der jedes neue Projekt spürbar teurer macht.
Schwerwiegende IT-Ausfälle sind im deutschen Mittelstand längst Alltag, nicht die Ausnahme. Laut dem New Relic Observability Forecast 2025 verzeichnen 46 Prozent der befragten deutschen Unternehmen mindestens wöchentlich einen schwerwiegenden Ausfall, und 40 Prozent beziffern die Kosten eines solchen Ausfalls auf 800.000 bis 2,5 Millionen Euro pro Stunde. Diese Zahlen stammen aus einer breiten Stichprobe über alle Unternehmensgrößen hinweg und sind für kleinere Mittelständler nicht eins zu eins übertragbar, zeigen aber die Größenordnung, in die sich ungeplante Stillstände entwickeln können, je komplexer und vernetzter die Systemlandschaft wird.
Für kleinere Betriebe mit rund 30 Mitarbeitenden gehen Erfahrungswerte von IT-Dienstleistern von deutlich geringeren, aber immer noch spürbaren 20.000 bis 30.000 Euro pro Ausfallstunde aus. Der Unterschied zeigt vor allem eines: Je stärker ein Altsystem im Tagesgeschäft verankert ist, desto direkter schlägt jede Ausfallstunde auf Umsatz und Lieferfähigkeit durch.
Eine solide Kosteneinschätzung für Legacy Software endet nicht bei der nächsten Änderungsanfrage. Sie beginnt mit der Frage, wie viele der sieben Kostentreiber oben bereits zutreffen und wie stark Business-Kritikalität, Änderungsdruck und Sicherheitsrelevanz zusammenkommen.
Wer diese Fragen früh beantwortet, budgetiert nicht nur realistischer, sondern erkennt auch rechtzeitig, wann aus einer tolerierbaren Altlast ein kritischer Bremsklotz wird. Wir schauen uns dafür am liebsten direkt Ihre am stärksten beanspruchten Schnittstellen an, dort zeigt sich der tatsächliche Zustand eines Altsystems meist schneller als bei einer reinen Bestandsaufnahme der Softwareversionen.
Sprechen Sie mit uns über die drei bis fünf Schnittstellen, die zuletzt am meisten Zeit gekostet haben. Gemeinsam ordnen wir ein, wo Sie mit einer Anbindung noch gut fahren und wo sich eine Modernisierung oder Ablösung bereits auszahlt.
Wie viel des IT-Budgets geht durch technische Schulden bei Legacy Software verloren?
20 bis 40 Prozent des Werts des gesamten IT-Bestands eines Unternehmens stecken laut CIO-Einschätzungen aus McKinsey-Analysen in technischen Schulden. Mehreren Studien zufolge verbringen Entwicklerteams zusätzlich 23 bis 42 Prozent ihrer Arbeitszeit mit der Bewältigung dieser Altlasten, Zeit, die dann für neue Funktionen fehlt. Die Spanne ist bewusst breit, weil sie stark von der Systemlandschaft und der Branche abhängt.
Lohnt sich eine Ablösung, wenn die Legacy-Software formal noch läuft?
Ja, sobald Änderungen spürbar länger dauern als noch vor zwei Jahren und externe Hilfe für Routineaufgaben nötig wird. Wichtiger als der heutige Zustand ist die Richtung: Werden Anpassungen von Mal zu Mal aufwendiger, ist das System auch ohne akute Störung bereits auf dem Weg zum Bremsklotz.
Welche Rolle spielt das Wissen einzelner Mitarbeitender beim Legacy-Risiko?
Beim Legacy-Risiko ist das Kopfwissen einzelner Mitarbeitender oft der wunde Punkt, weil solche Systeme selten vollständig dokumentiert sind. Fällt genau diese Person aus, wird aus einer kleinen Störung schnell ein Betriebsrisiko, weil niemand sonst die historisch gewachsenen Sonderfälle kennt. Ein Vertretungsplan oder eine saubere Dokumentation entschärft dieses Risiko, wird in der Praxis aber häufig aufgeschoben.
Wie hängen Legacy Software und IT-Sicherheit zusammen?
Ältere Architekturen besitzen seltener aktuelle Schutzmechanismen und lassen sich schwerer patchen, was die Angriffsfläche vergrößert. Der BSI-Lagebericht 2025 verzeichnet 119 neue Schwachstellen pro Tag, ein Plus von 24 Prozent, und rund 80 Prozent der angezeigten Angriffe richten sich inzwischen gegen kleine und mittlere Unternehmen.
Was kostet ein IT-Ausfall bei einer veralteten Kernanwendung im Mittelstand konkret?
Für ein kleineres Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitenden wird eine Stunde IT-Ausfall im Schnitt auf 20.000 bis 30.000 Euro geschätzt, basierend auf Erfahrungswerten von IT-Dienstleistern. Bei größeren, stark vernetzten Unternehmen liegen die Werte deutlich höher: Der New Relic Observability Forecast 2025 beziffert schwerwiegende Ausfälle in Deutschland im Schnitt auf 800.000 bis 2,5 Millionen Euro pro Stunde. Die tatsächliche Größenordnung hängt stark vom Digitalisierungsgrad und der Unternehmensgröße ab.
Quellen:
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